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Blind kickt gut: EM der Blindenfußballer – mitten in Berlin

Hier die Beschreibung des Bildes

Taime Kuttig (Nummer 7) kann mit seinem Freistoß den englischen Keeper nicht bezwingen. Foto: Ralf Kuckuck, BS Berlin

Als Zuschauer beim Blindenfußball zu sein, ist ein spezielles Erlebnis. Nicht nur auf dem Feld, sondern auch auf der Tribüne gelten andere Regeln als beim Fußball der Sehenden. Denn wo die Spieler auf ihr Gehör angewiesen sind, ist kein Platz für Fangesänge und lauten Jubel. Beim Europameisterschaft-Spiel Spanien gegen England war zu beobachten, wie viele Facetten dieser intensive Sport hat. Bei der Reportage (weiter unten im Text) steht die deutsche Nationalmannschaft im Mittelpunkt.

Schon beim Warmmachen der Mannschaften fällt auf, dass hier eine andere Atmosphäre und Geräuschkulisse herrschen als bei sonstigen Fußballspielen. Da die Spieler sich mit mehreren Bällen gleichzeitig auf das Spiel vorbereiten, ist das Rasseln der Bälle die ganze Zeit präsent. Der Ausruf „Voy!“ ist ständig zu hören. Dies bedeutet: „Ich komme!“ auf Spanisch. Die Spieler müssen laut Regel so auf sich aufmerksam machen, wenn sie den ballführenden Spieler attackieren, um diesen nicht unvorbereitet zu treffen. Wie wichtig diese Regel ist, kann dann im Spiel erlebt werden. Weil der Ausruf eines Spaniers zu spät erfolgt, stoßen er und ein Engländer bei hohem Tempo mit den Köpfen gegeneinander. Der Spanier muss länger behandelt werden. Die gelbe Karte für das fehlende „Voy!“ bekommt er dann noch obendrauf.

Vor dem Anpfiff erfolgt per Stadiondurchsage die Bitte um absolute Ruhe während des Spiels. Jubeln dürfen die Zuschauer beim Blindenfußball nur, wenn das Spiel unterbrochen ist. Wird es dennoch einmal zu laut, halten Ordner Schilder hoch, um auf die Einhaltung dieser Regel zu dringen. Die Spieler brauchen die Stille auf dem Platz; wobei „Stille“ es eigentlich gar nicht so genau trifft. Neben dem Rasseln des Balls und den „Voy!“-Rufen der Gegenspieler gibt es noch akustische Signale von außen. Sowohl Guides hinter dem gegnerischen Tor als auch die Trainer an der Bande und die Torhüter geben den Spielern per Zuruf Signale, etwa über den Abstand zum Ball und die Positionierung der Spieler. Sich in diesem Stimmgewirr zurechtzufinden, erscheint für Außenstehende fast unmöglich; für die Spieler hingegen sind diese Informationen unerlässlich.

Viele Dribblings und harte Schüsse

Das Spiel sieht anders aus, als man es aus der Bundesliga gewohnt ist. Insgesamt wird weniger gepasst und mehr gedribbelt. Dabei führen die Spieler den Ball erstaunlich nah am Fuß und üben so große Kontrolle aus. Mit schnellen Drehungen sorgen sie immer wieder für Raumgewinne und erarbeiten sich Platz für Vorstöße. Insbesondere bei Freistößen sind die Härte und Präzision der Schüsse zu beobachten. Vor dem Schuss werden von einem Guide hinter dem Tor die beiden Pfosten mit einem Metallstab abgeklopft, um dem Schützen die Orientierung zu erleichtern. Dieser tritt an, und trotz der gestellten Mauer geht fast jeder Freistoß gefährlich auf das Tor.

Im Halbfinale gehen die Engländer früh in Führung. Nach einer spanischen Ecke kommen sie an den Ball und passen ihn schnell nach vorne. Dort kann Roy Turnham ihn aus halblinker Position im kurzen Eck versenken. Auch nach der Pause läuft es für die „Three Lions“ gut. Einen Sololauf über das gesamte Feld beendet Keryn Seal mit einem flachen Schuss ins lange Eck. Bis dahin haben die Engländer im gesamten Turnierverlauf noch kein Gegentor kassiert, und es spricht eigentlich nicht viel dafür, dass sich dies noch ändern werde. Doch je näher das Ende des Spiels rückt, desto mehr schnüren die Iberer die Gegner in deren Hälfte ein. Mittlerweile ist die Partie so hitzig, dass der Schiedsrichter zwei spanische Trainer wegen Meckerns auf die Tribüne schickt.

Unglückliches Eigentor kurz vor Schluss

In dieser Atmosphäre gelingt den Spaniern fünf Minuten vor Schluss per Freistoß der Anschlusstreffer. Die Engländer versuchen nun, das Ergebnis ins Ziel zu retten. Zwölf Sekunden vor dem Ende rollt ein harmloser Ball direkt auf den Torhüter zu. Hier ist noch einmal zu erleben, wie wichtig Kommunikation beim Blindenfußball ist. Denn statt den Torhüter den Ball aufnehmen zu lassen und damit ins Finale einzuziehen, spitzelt Dan English das rasselnde Leder an seinem Mannschaftskollegen vorbei ins eigene Tor. So kommt es zur Entscheidung im Sechsmeterschießen; eine Verlängerung gibt es beim Blindenfußball nicht. Dabei halten die Spieler den Ball mit der Hand fest und schießen ihn aus dem Stand auf das Tor, nachdem ein Guide die Pfosten abgeklopft hat. Es erscheint wie ein schlechter Scherz des Fußballgottes, dass es den Engländern auch hier nicht gelingt, das legendäre Versagen vom Punkt zu umgehen, das die sehenden Fußballer von der Insel schon so lange begleitet. Während drei Spanier den Ball versenken, schafft dies nur ein Engländer.

Die deutsche Mannschaft

Im Finale treffen die Spanier auf Russland. Diesmal hat „La Roja“ weniger Glück. Nach einem 1:1 in der regulären Spielzeit geht es abermals ins Sechsmeterschießen, bei dem die Russen das bessere Ende für sich haben. Im Spiel um Platz drei setzt sich England mit 2:0 gegen Frankreich durch.

Vor dem Turnier ist man im deutschen Lager guter Dinge. Der Teammanager Rolf Husman bezeichnet die nominierten Blindenfußballer auf der Pressekonferenz als die „beste Mannschaft, die je für Deutschland gespielt hat.“ Kapitän Alexander Fangmann spricht über die besondere Motivation, die es bringe, vor Familie und Freunden zu spielen, und auch für den Trainer Ulrich Pfisterer ist das anstehende Turnier etwas ganz Besonderes. Der gebürtige Berliner freut sich darauf, in seiner Heimatstadt vor großem Publikum den Blindenfußball bekannt zu machen, und sieht darin die Belohnung für die Arbeit der letzten zehn Jahre.

Denn länger gibt es diese Sportart in Deutschland noch gar nicht. 2006, im Jahr der Heim-WM, kam es zur Initialzündung. Damals organisierten der Sozialverband Deutschland (SoVD) und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) einen Workshop auf dem Olympiagelände, den die damals schon professionell agierende englische Nationalmannschaft leitete. Dabei wurden die Grundsteine für ein deutsches Blindenfußball-Team gelegt, das seitdem von Ulrich Pfisterer betreut wird.

Mehr als zehn Jahre später ist der Blindenfußball in Deutschland etabliert und das Team kann im internationalen Vergleich mithalten.

Im Auftaktspiel der ersten Europameisterschaft in Deutschland, das wegen eines Gewitters abgebrochen und erst am nächsten Vormittag zu Ende gespielt wird, gibt es ein 2:0 gegen Italien. Das folgende Gruppenspiel gegen Frankreich geht mit 1:2 verloren, worauf ein 4:1-Sieg gegen Rumänien folgt. Im letzten Gruppenspiel gegen England gelingt es der Mannschaft nicht mehr, den einen, für den Halbfinaleinzug nötigen Punkt zu erspielen. Bei der 0:3-Niederlage gerät das Team früh in Rückstand und kann die eigenen, guten Chancen nicht nutzen.

Qualifikation für die WM knapp verpasst

Im Turnier geht es nicht nur um den Titel, sondern auch um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Madrid, an der die vier Halbfinalisten teilnehmen werden. Da Spanien als Gastgeber bereits gesetzt ist, bietet sich dem deutschen Team noch die Möglichkeit, im Spiel um Platz 5 gegen die Türkei das Ticket für die Weltmeisterschaft zu lösen. Das Spiel endet nach der regulären Spielzeit 0:0. Im anschließenden Sechsmeterschießen ist nur Alexander Fangmann erfolgreich, während zwei Türken treffen. Das deutsche Team verpasst so zwar das selbst gesteckte Ziel, hat für den Blindenfußball aber trotzdem einiges erreicht. Die Spiele in der temporären Arena am Anhalter Bahnhof sind – vor allem bei deutscher Beteiligung und in der K.-o.-Runde – gut besucht oder sogar mit 2100 Zuschauern ausverkauft, auch das Medieninteresse in der Stadt ist groß und die Live-Übertragungen im Internet verzeichnen hohe Zugriffszahlen. Damit bestätigen sich die Worte von Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes. Dieser sagte, dass jede Veranstaltung von Para-Sportlern und die Berichterstattung darüber helfen würden, Kenntnislücken abzubauen, und zur Inklusion beitrügen.

Die Olympischen Spiele 2020 im Blick

Natürlich kann in diesem Bereich noch viel erreicht werden. So regte Beucher an, dass etablierte Fußballvereine Patenschaften mit Vereinen, in denen Blindenfußball gespielt wird, abschließen oder selbst Blindenfußballmannschaften aufstellen. Bisher sind unter anderem der FC St. Pauli und Borussia Dortmund diesen Weg bereits gegangen und beteiligen sich mit eigenen Teams an der Blindenfußball-Bundesliga, in der derzeit acht Teams um den Titel spielen.

Für die deutsche Mannschaft geht der Blick nun Richtung Europameisterschaft 2019. Sollten sie dort ins Finale einziehen, wären sie für die Paralympischen Spiele in Tokio 2020 qualifiziert. Diesen Traum verfolgt das Team weiter, laut Trainer Ulrich Pfisterer wird das „natürlich keine einfache Aufgabe, doch wir haben eine junge Mannschaft, die sich noch weiter entwickeln wird“.

Und dafür, dass dieser Sport erst vor elf Jahren unter Mitwirkung des SoVD in Deutschland etabliert wurde und alle Sportler als Amateure spielen, ist der sechste Platz bei einer Europameisterschaft ein Ergebnis, auf das alle Verantwortlichen stolz sein können. Fast noch wichtiger dürfte sein, dass durch die Europameisterschaft viele Menschen in Deutschland zum ersten Mal mit dem Blindenfußball in Kontakt gekommen sind.

Kurzinfo Blindenfußball

Was den Blindenfußball vom Fußball der Sehenden unterscheidet, ist nicht nur die Tatsache, dass hier alle Feldspieler stark sehbehindert oder komplett erblindet sind und ein sogenanntes „Eye-Pad“ (eine Augenbinde) tragen. Pro Mannschaft spielen jeweils vier Feldspieler und ein sehender Torwart. Dieser dirigiert seine Kollegen und darf bei gegnerischen Angriffen den zwei Meter breiten Bereich vor seinem Tor nicht verlassen. Gespielt wird auf einem 20 mal 40 Meter großen Kunstrasenfeld, das an den langen Seiten durch Banden begrenzt wird. Die Spielzeit beträgt zwei mal 20 Minuten, wobei während jeder Unterbrechung die Uhr gestoppt wird. So ergibt sich eine Nettospielzeit von etwa 45 Minuten pro Halbzeit.

Das Ziel des Spiels ist denkbar einfach. Auch hier gilt die Devise: „Das Runde muss ins Eckige“. Das Runde ist dabei ein Ball, der sich von bekannten Fußbällen abhebt. Er ist etwas kleiner und schwerer als diese, ermöglicht eine enge Ballführung und springt weniger weit und hoch ab. Der größte Unterschied steckt aber im Inneren des Spielgeräts. Dort befinden sich mehrere Metallplättchen, in denen kleine Kugeln für einen rasselnden Klang sorgen. Solange der Ball in Bewegung ist, gibt er Geräusche von sich, an denen sich die Spieler orientieren können. Auch das Eckige, also das Tor, sieht anders aus. Bis vor Kurzem wurde im Blindenfußball auf ein Handballtor geschossen. Bei der EM in Berlin galt es erstmals bei einem internationalen Turnier, den Ball in den etwas größeren (3,66 mal 2,14 Meter) Hockeytoren unterzubringen.

Zur Ausgabe Oktober 2017 der SoVD-Zeitung




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